Edition Thanhäuser
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Lars Andersson

Gesicht im Wald

Aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler

24,00 €

Personen

Autor:
Lars Andersson

 

Übersetzer:

Lukas Dettwiler

Details
ISBN

978-3-903409-16-3

Format

145 × 235 mm

Jahr

2026

Seiten

134

Inhalt

Mit 14 Kirschholzschnitten im Innenteil und einem Original-Holzschnitt am Umschlag von Christian Thanhäuser

Leseprobe

Leseprobe

Lars Andersson, 1954 als „ein Kind des Wohlfahrtsstaats“ in den Blütejahren der värmländischen Industriestadt Karlskoga geboren und mit seinen beiden jüngeren Schwestern dort aufgewachsen, debütierte 1974 mit dem Roman Brandlyra (Schwelbrand), der ihn zum gefeierten Jungautor machte, was ihm von Seiten der Literaturkritik zugleich Missgunst einbrachte: ein Zwanzigjähriger könne unmöglich ein so reifes Werk vorlegen, hinter dem Allerweltsnamen stecke ein etablierter Schriftsteller. 

 

Ein fulminanter Auftakt eröffnet Anderssons Wagnis, vom Schreiben zu leben.

 

Dabei hatte er vor, Arzt zu werden. Er begann Medizin zu studieren, publizierte zwei weitere Romane, doch als er cand. med. war, gab er sein ursprüngliches Berufsziel auf. Mit Snöljus (1979; dt. Schneelicht) und Bikungskupan (1982; dt. Der Eistaucher) hatte er sich als Prosaist ein Renommée weit über Schweden hinaus erschrieben, indes hielt sein Interesse an naturwissenschaftlichen wie ontologischen Fragen an und kennzeichnet sein Schaffen. Nebst befristeten Tätigkeiten als Kulturchef einer Abendzeitung, als Kulturjournalist oder Zeitschriftenredakteur, sind in den fünf Jahrzehnten seit dem Debut knapp vierzig Bücher entstanden, vorwiegend epischer Art. Es finden sich darunter ebenso Essaybände oder die Biografien zu den beiden großen Autoren Värmlands des 20. Jahrhunderts – Tage Aurell und Göran Tunström –, ein Zyklus mit Gedichten, die Übersetzungen von Literatur aus dem Nachbarland Norwegen (Jon Fosse, Edvard Hoem und Arne Garborg). Andersson hat ein breitgefächertes Werk erschaffen, in dem Themen und Genres Seite an Seite stehen und ineinander übergehen, mit Platz selbst für zwei Kriminalromane. Eine Konstanz bilden seine Bücher über die historische Provinz Värmland. Der Autor ist aufs Engste zu Hause in der stoffreichen Region, die ihn hervorgebracht hat, von der mythenumsponnenen Vorzeit bis in unsere hochtechnisierte jüngste Zeit.

 

Aus dieser tiefen Verbundenheit ist Gesicht im Wald hervorgegangen. Der schwedische Originaltitel lautet Lomjansguten. Ein ‚gut‘ (gütt) ist ein ‚Knecht‘, ‚junger Mann‘. Lomjans (Hirten-)Junge oder Gesicht im Wald ist eine sinfonische Dichtung und Tableau in einem, eine polyphone, mehrschichtige Partitur wilder Gesichte(r) wie Geschichten. Lomjansguten zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit dem abgesetzten Pfarrer Gösta Berling in Selma Lagerlöfs gleichnamigem Nationalepos. Beide stehen exemplarisch in der Erzähltradition Värmlands, wo Legenden mit Ammenmärchen und Fantastereien (schwedisch skrönor) verknüpft werden. Der Erzähler spielt auf allen Registern, und Andersson reichert sie mit einer gehörigen Portion Magie und Mystik aus den verschiedensten Erdteilen an, mit deren Erzählweisen er sich (als jüngerer Autor) auf ausgedehnten Reisen auseinandergesetzt hat.

 

Gesicht im Wald dreht sich um das Leben des Teufelsgeigers aus Värmland, Sohn eines Kätners aus dem Krähwinkel Gräsmark, inspiriert von der Biografie des sagenhaften Spielmannes Per Jönsson Lumiainen (1816–1875). Vom Ende erzählt geht die Geschichte so: Lungenkrank und verarmt kehrt er nach Hause. Unter den Fittichen von Ole Bull, dem „Paganini des Nordens“, hat er es mit seiner Geige im aufkommenden Theaterleben von Christiania (heute Oslo) bis zum Orchestermitglied gebracht. Seine Lebensreise führt uns durch die jüngere nordische Kultur- und Sozialgeschichte, verwoben mit Mythen, Legenden und dem Aberglauben, der die Menschen im Finnskogen („Finnenwald“), dem Waldgebiet zwischen Norwegen und Schweden, geprägt hat. Vieles vollzieht sich in einer Zwischenwelt. Im Zentrum stehen die mieskuva, „Bilder lebender Leute“, mit Axtschlägen in einen Baumstamm gehauen, um sie zu bannen, unsichtbar umgeben von Wiedergängern, die sich auf ihre unheimliche Weise bemerkbar machen. Die Erzählung ist mit Elementen vom Road­movie ausgestattet, Straßen gab es noch keine, geschweige denn Automobile, doch auf Schritt und Tritt die Suche nach Freiheit, Identität, Glück. Gesänge um die drei Schwestern Seljeset verstärken die erzählende Wirkung; so geht der Geiger durchs Leben, zumeist auf Waldwegen, die Fiedel am Rücken, wenn er nicht aufspielt. 

 

Anderssons bildstarke Sprache mit ihrem vorantreibenden Rhythmus und ihrer Plastizität (geschult auch an Songs von Bob Dylan), skizziert einen Musikanten und zeichnet das Bild einer Minorität: die „Waldfinnen“ – Männer wie Frauen – die untersten Stützen der Gesellschaft(en) von damals, „als Finnland vom schwedischen Reich abrückte, bis zum Zeitpunkt, als sich Norwegen von den Fesseln Dänemarks löste und unter die Krone des Königs von Schweden kam“, wie der Erzähler das Geschehen situiert. Alles ereignete sich lange vor Skandinaviens Wohlfahrtsstaaten von heute – allerlei aber hallt nach.

 

Lukas Dettwiler, Sommer 2026

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