Miljana Cunta
Pesmi dneva | Tagesgedichte

Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz und Amalija Maček


Die alte Dame, die ich besuche, wohnt in Zimmern, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind. Die Vorhänge sind lange Arme schöner Tänzerinnen, an die schmalen Fenster genäht, deren Finger sich auf dem Boden ausbreiten und die abgestandene Nachtluft auflockern. Rote Lippen verlieren sich in Spiegeln, die den Raum verdoppeln; grüne Augen folgen gleichgültig einem klaren Strom von Besuchern. Jeden Morgen ein anderes Muster; das Werk der Schöpfung ist in einer Fülle von Aufmerksamkeit geborgen. Musik strömt durch die Räume wie der Duft von Holunder. Ein Buch, aufgeschlagen auf einer zufälligen Seite, ließ sich nicht aus Eitelkeit, sondern aus Ergriffenheit schreiben. Ohne aufzustehen und mit den Armen zu fuchteln, ohne die Stimme zu erheben oder Menschen zu sich zu rufen, ohne jemals ihr Haus zu verlassen, ist die alte Dame der Souverän.


Matthias Göritz
Brüche in der Ewigkeit

Zu den Gedichten von Miljana Cunta

Miljana Cunta wurde 1976 in Šempeter pri Gorici geboren und zog 1995 nach Ljubljana. Sie hat drei Gedichtsammlungen verfasst: „Zur Hälfte des Himmels“ (Za pol neba, 2010), „Tagesgedichte“ (Pesmi dneva, 2014) und „Licht von Draußen“ (Svetloba od zunaj, 2018), die für die wichtigsten slowenischen Poesiepreise in die engere Wahl kamen. Ihre Bücher und ausgewählten Gedichte wurden in acht Sprachen übersetzt, sie hat sie auf Festivals in Slowenien und im Ausland präsentiert. Miljana hat ihren MA an der Universität von Ljubljana gemacht und war als Redakteurin und Kulturmanagerin tätig. Sie war Programmdirektorin des Vilenica und des Fabula Festivals. Gelegentlich übersetzt sie Gedichte aus dem Englischen und aus dem Italienischen (Christina Rossetti, Gerard Manley Hopkins, Denise Levertov, Alda Merini, Luigi Natale, Francesco Tomada). 2018 war sie Gastkolumnistin bei der slowenischen Tageszeitung „Delo“. Seit 2022 ist sie freischaffende Künstlerin und ist an vielen Projekten beteiligt.

Im Prosa-Gedicht-Zyklus „Tagesgedichte“ besucht ein kleines Mädchen eine alte Näherin; sie verbringt den Tag mit ihr, sieht zu, wie die Frau ihre Kunden empfängt, den Lauf der Zeit erlebt, ruht mit ihr in ihrem Bett, schläft und träumt vielleicht sogar mit ihr. Die slowenische Dichterin Miljana Cunta präsentiert diese Geschichte in vierundzwanzig schwer fassbaren, faszinierend offen oszillierenden Prosadichtungen, die jeweils eine Stunde am Tag markieren: Von Stunde zu Stunde beobachtet die Jugend das Alter, sehnt sich nach dessen Erfahrung und versucht, durch die Beobachtung in die Geheimnisse des Lebens eingeführt zu werden, einzutreten in ein fast mythisches Leben, selbst in dem Moment als klar wird, dass die alte Frau sich bereits darauf vorbereitet, „die gefangene Welt“ zu verlassen.

In der slowenischen Originalveröffentlichung sind die Gedichte mit Dušan Šarotars eindrucksvollen Fotografien durchmischt, die den Text weniger veranschaulichen als vielmehr eine visuelle Ergänzung zu Miljana Cuntas Lyrik darstellen. Genauso könnte man sagen, dass die Gedichte selbst wie sich langsam entwickelnde Fotografien zu Fenstern in die Innenwelten des Tages werden. Miljana Cunta ist eine große dichterische Fragmentaufnahme des Lebens gelungen.

In der vorliegenden Ausgabe werden Cuntas Gedichte von Christian Thanhäusers wunderbar leichten Holzschnitten begleitet, die dem schwebenden Ton der „Tagesgedichte“ nachempfunden sind. Resonanzen von Tag und Nacht, von Sprache und Bild verbinden sich so zu einem unvergesslichen Ganzen.

InhaltMit 12 Kirschholzschnitten von Christian Thanhäuser. Der Umschlag wurde von Hand gesetzt und direkt von den Lettern und vom Holzstock auf einem Heidelberger Cylinder gedruckt. Innenteil Offsetdruck.
Jahr2023
ISBN978-3-903409-07-1
Umfang74 Seiten
Format145 × 235 mm
BindungFadenheftung

24 €

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