Waldwerkzeug – eine Holzschnittserie von Christian Thanhäuser

hier abgebildet 6 von insgesamt 50 Birn- und Föhrenholzschnitten

Nachtflug zwischen Linz und Berlin, unten das hellerleuchtete Mühlviertel, nach Überquerung der großen Wälder und der tschechischen Grenze ein wohltuender sparsamerer Umgang mit dem künstlichen Licht, hier darf die Nacht noch Nacht sein, hier lebt man näher mit der Natur.

Mein Freund Ivan blickte zur Zeit der Niemandsländer entlang der Grenze vom Krumauer Hausberg Klet/Schöninger Richtung Süden, damals eine der wenigen Möglichkeiten, ins Land der „freien“ Nachbarn zu schauen, bis hin zum Dachstein, dem weißen Zahn über den dunklen Bergrücken des Böhmerwaldes.

In dieser Zeit war auch ich oft auf Höhen mit weitem Blick, auf den Felstürmen des Bärensteines und blickte hinein ins geheimnisvolle böhmische Blau, ins nördliche verbotene Land, sanftgeschwungen und sich verführerisch fortsetzend von Waldrücken zu Waldrücken.

Ein wald hinter einem wald, der vor einem wald liegt; wer geht in ihm herum, wer tritt in ihm auf pilze, beeren?
Obgleich man viele dinge über diesen wald erzählt, man weiß von ihnen nie, ob sie stimmen, ob sie erfunden sind.
H. C. Artmann

Die Wälder vergehen durch sich selber und entstehen wieder durch sich selber. Das Treiben der Waldverderber bleibt Thema beidseits der Grenze, der Buchdruckerkäfer hinterläßt seine Spuren bevorzugt in älteren Bäumen, der Kupferstecherkäfer eher in jüngeren, beide hinterlassen wie der Birn- und Föhrenholzschneider beharrlich ihre Art der Spuren im Holz.

Während ich über meinem Kopf ein Rauschen höre, stelle ich mir vor, daß Leben und Sterben, Beginnen und Endigen freundschaftlich beisammen liegen. . . .
Erscheinen und Verschwinden sind ein Einziges. Im Wald ist alles verständlich.
Robert Walser

Die Angst der südlichen Nachbarn, der sich selbst überlassene Wald im Norden könnte ihre neurotisch kontrollierten Gärten durch Wildwuchs gefährden, wie z.B. am Plöckensteinersee, wo sich heute nicht mehr die dunkle Felswand im dunklen Auge des Waldes spiegelt, sondern senkrechte Linien von weißen Baumgerippen. Man erschrickt und doch ist dieses Schauspiel von besonderer Schönheit. Unter den bleichen Baumstämmen wachsen neue Pflanzen in vielfältigem Grün.

Die Wälder in Österreich sind großteils zu einem berechenbaren Stück Natur für Forstbetriebswirte verkommen, die Vielfalt der Formen, das Geheimnis, das Unheimliche wurde ihnen genommen, selbst Klein- und Totholz wird der Entwicklung des Waldes entzogen und zu Geld gemacht. Denken in kurzen Zeiträumen, der natürliche Raum wird als Bühne für rastlose sportliche Freizeitbeschäftigungen betrachtet, das Lesen der Zeichen der Natur wurde verlernt.

Die Wälder der Nördlichen Linie sind Palimpseste, Überlagerungen der Überlagerungen, unberechenbar, der Mensch als zeitweiliger Zaungast.
Die Wälder der Nördlichen Linie sind auch die Wälder von Jean Paul, Adalbert Stifter, Robert Walser, H.C. Artmann.

Mir genügen Stifters Naturstudien, diese unvergleichlich innigen Beobachtungen, in die er die Menschen so harmonisch hineingestellt hat. . . .
Eine prächtige Rede von Stifter legt auseinander, wie alles Kleine, Friedliche, Alltägliche viel, viel größer sei als das Große.
Robert Walser

Robert Walser war nie in den böhmischen Wäldern unterwegs, war aber durch die Lektüre von Stifters Erzählungen mit der südböhmischen Landschaft jedoch vertraut – wie er diese wahrscheinlich gesehen hätte, versuche ich in meinem Holzschnitt-Zyklus „Po zarostlém chodníckú / Auf verwachsenem Pfad“ aufzuzeichnen.

Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein anderes, ein tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder. Es ist auch kein Gehen, sondern nur ein fliegendes und fließendes Ruhen. Ein solches Gehen, das ist ja schön, meine ich.
Robert Walser

Die Kindheit an der frei fließenden Donau, das Beobachten von Kommen und Verschwinden der Linien, ihre ständige Wiederkehr auf der Wasseroberfläche haben meine graphische Arbeit geprägt – und vor allem das Schauen ins rätselhafte Böhmische hinein.

1989 entstanden am Dreisesselberg die Skizzen zur Erzählung „Von einem Husaren, der seine guldine Uhr in einem Teich oder Weiher verloren, sie aber nachhero nicht wiedergefunden hat“ von H.C. Artmann. Angeregt durch mehrere Reisen mit dem Dichter entlang der Nördlichen Linie erschien einige Monate später der Gedichtband „holzrausch“, die neuen Holzschnitte können als Fortführung dieses „holzrausches“ verstanden werden, als Vexierbilder mit Durchflechtung von Gegenstand und Linie, Idylle und Abgrund, Donauschule und Irrwege – ein kurzes Anhalten des Verschwindes, Notizen von Verwandlungen.

Insgesamt wird dieser Zyklus über fünfzig Birn- und Föhrenholzschnitte umfassen. Einge Motive aus den umfangreichen Skizzenbüchern werden zuerst in Birnholz geschnitten, anschließend nochmals im strukturenreicheren harzigeren Föhrenholz nochmals bearbeitet – Metamorphosen im Holz.

Man glaubt, die Welt ist voll Ruhe und Herrlichkeit. Und wenn man von dieser Ruhe in eine andere geht, in die des großen Waldes, so ist es wirklich wieder eine Ruhe und wirklich eine andere. Der Blick wird beschränkt, nur das Nächste dringt in das Auge, und ist doch wieder eine unfaßbare Menge der Dinge.
. . . – es ist wie das Atemholen des Waldes.
Adalbert Stifter

„ . . . die Schmetterlinge fliegen dort so hoch wie die Schwalben bei uns“
schreibt in Prag Franz Kafka nach erholsamen Tagen im Böhmerwald

 

Ein Teil dieser Holzschnitte wird u.a. in folgenden Ausstellungen zu sehen sein:

Ab 14. März 2015
Kunstverein Panitzsch /anläßlich Leipziger Buchmesse

Ab 2. Mai 2015
Stifter-Geburtshaus Oberplan / Horní Planá

Ab 13. September 2015
Bauernmöbelmuseum Hirschbach/Mühlviertel

19. November – 31. Dezember 2015
Stifter-Verein München

weiters Stadtbücherei Metzingen,
China, Schweiz . . .